Rügen 2022

Anreise auf die Osterinsel

Schon die Planung unseres Wanderkurzurlaubs gestaltete sich schwieriger als sonst, da 1. verschiedene Sehenswürdigkeiten auf dem Programm stehen sollten, die eine Abkehr von den Europäischen Fernwanderwegen E9 und E10 nötig machten und 2. das Angebot an (auch bezahlbaren) Pensionen und Hotels, die uns für eine Nacht aufnehmen wollten, sehr überschaubar war. So mussten Kompromisse gefunden werden.

Am Gründonnerstag ging’s entspannt los, nach einem Steinschlag auf der Autobahn und einem daraus folgenden Riss in der Frontscheibe, der sich langsam aber stetig ausdehnte, waren wir dann doch etwas verspannter. Das Auto stellten wir an den Zielpunkt unserer Wanderung, zum Umsteigen in den Bus hatten wir genau 2 Minuten. Die Hektik führte dazu, dass wir jetzt ungeplant und völlig überflüssig einen Schirm dabeihaben.

Mit dem Bus ging’s kreuz und quer über die Insel nach Bergen, von dort mit dem Zug nach Stralsund. Dort erwartete uns das nächste Highlight: Die Dame am Empfang. Als erstes wurden wir darauf hingewiesen, die Masken aufzusetzen, dann wollte sie Christianes Corona-Genesenenzertifikat nicht akzeptieren, uns aber einen Selbsttest für 3,90 verkaufen. Das Hotel, einschließlich Frühstück, war sonst aber ganz prima.

Zum Abend gab es einen Stadtbummel, der in einer kleinen Pizzeria endete.

Inselfeeling Tag 1

Eigentlich wollten wir am Vormittag bei einer Hafenrundfahrt prüfen, ob das Frühstück drin bleibt, aber bei Wind und grauem Nieselregen waren wir die einzigen Gäste mit so einer Idee und da legte der Kahn gar nicht erst ab. Ebenso ging es Uwes Handy, das plötzlich der Meinung war, bei dieser Kälte den Dienst quittieren zu müssen. Fortan lag die Navigation also in Christianes Händen. Frau wächst mit ihren Aufgaben und das Abenteuer kann beginnen: Hart gegen den Wind über den alten Rügendamm, dann ein paar Kilometer auf dem E10, der aber bald zu einem asphaltierten Radweg ausgebaut war und die letzten 4 km entlang der gut befahrenen Landstraße. Genusswandern ist anders. Im Zielort winkte ein Café, allerdings war das dann doch feiertags geschlossen. In unserem Übernachtungshotel war es auch dunkel, an der Tür prangte ein Zettel, dass die Küche wegen Personalmangels kalt bleibt. Na Klasse.

Dann kann doch noch der Wirt, polterte rum, als hätten wir ihn in den Ruin getrieben, wollte uns am Abend aber ein Schnitzel braten, da er eh eine Reisegruppe zu bekochen habe. Und Frühstück bekommen wir auch. Aber vor allem erst mal ein warmes Zimmer.

Bei Google haben wir dann eine Bewertung des Hotels gelesen: Jemand ärgert sich, dass man nicht 0 Sterne vergeben kann. Dieser Bewertung würden wir uns nach dem Frühstück anschließen, obwohl das restliche Personal bemüht war.

Uwes Handy ließ sich bei Zimmerwärme und dem wohl dosierten Druck auf eine bestimmte Stelle doch hin und wieder zum Leben erwecken. Aber ein Zustand wird das nicht mehr.

Nichts ist so spektakulär wie ein Feld am Meer

Ja, wenn man 23 km so vor sich hin wandert, wird auch profane Landschaft reizvoll. Die Sonne weckte uns früh und verwöhnte uns den ganzen Tag mit ihrer Anwesenheit.

Leider ist der Fernwanderweg fast durchgängig asphaltiert oder betoniert, führt aber einmal direkt am Wasser vorbei.

Für untrainierte Beine war die Etappe schon ganz schön weit. Die Ruhe und Einsamkeit auf dem Weg taten jedoch der Seele gut. In der „weißen Stadt“ Putbus füllten wir im wunderbar hergerichteten Bahnhof die Zucker- und Fettreserven wieder auf.

Weiter ging die Reise bequem und luftig-frisch mit dem Rasenden Roland in einem Wagen ohne Dach nach Baabe. Ein Erlebnis für alle Sinne, inklusive des olfaktorischen.

Nun sind wir also im Schicki-Micki-Touri-Ort Baabe gelandet, wurden zum ersten Mal im Hotel freundlich empfangen und fühlen uns willkommen. Den Abend verbringen wir etwas abseits der Menschenmenge, die das örtliche Osterfeuerchen angelockt hat, bei Fischbrötchen und Bier am Strand. Hier ist die Ostsee endlich so, wie es unsere Kindheitserinnerung glauben macht.

Uwes Telefon ist nun ganz tot, aber Christianes Fairphone ist dual-SIM- fähig, welch ein Glück.

Kaiserwetter am Königsstuhl

Ein wahrhaft königliches Frühstück im Hotel mit Lachs und allerlei Süßkram eröffnete gemeinsam mit der Sonne diesen wunderbaren Ostersonntag.

Eher zufällig entdeckten wir die Schifffahrtsroute von Binz nach Bums (Sassnitz) und zogen diese der Zugfahrt vor.

Eine gute Entscheidung: von Wasser aus lassen sich die unglaubliches Ausmaße vom Prora Betonbau gut erahnen.

Der Plan, in Sassnitz das Gepäck im Bahnhof unterzubringen, scheiterte am fehlenden Bahnhof. Dort gibt es nur noch einen Bahnsteig. Ansonsten gefällt uns diese kleine Stadt am Meer mit ihrer langen Mole sehr gut.

Die Rucksäcke dann in der Pension untergestellt, machten wir uns leichtfüßig auf dem Weg zu den Kreidefelsen. Frei nach Goethes Osterspaziergang: … Sieh nur sieh, wie behänd sich die Menge durch den Wald und Strand zerschlägt… Beseelt durch die vergängliche Schönheit der Kreidefelsen erreichen wir nach 15 km und insgesamt 1000 Höhenmetern hoch und runter den Königsstuhl- wobei wir uns die letzten Meter aufgrund des Eintrittspreises von 10€ pro Person schenkten. Zurück ging es dann bequem mit dem Bus.

Genusswanderung

Das Frühstück gab es statt in der Pension beim Bäcker, war aber auch okay. Dann brachte uns der Bus ein Stück näher an unser Tagesziel. Die Haltestellen werden hier in den Bussen von überwiegend fröhlichen Kinderstimmen angesagt- eine schöne Idee.

Ab Glowe begann dann unsere bisher schönste Etappe: direkt am Jasmunder Bodden entlang, durch das Naturschutzgebiet, ohne Menschen aber mit Sonne satt. Christiane hätte statt des Schirmes lieber Sonnencreme mitnehmen sollen.

Mit vielen Pausen, die mit dösen, Butterbemmen werfen und Hühnergötter sammeln vergingen, erreichten wir am frühen Nachmittag unsere Unterkunft. Die schönste bisher. Eines der wenigen Restaurants im Ort bot eine gute Alternative zu fast-food-Fisch.

Immer am Meer entlang

Nach einem opulenten Frühstück, das keine Wünsche offenließ, mussten wir uns entscheiden: Erst mit dem Bus und dann wandern oder erst wandern und dann mit dem Bus oder die ganze Strecke wandern? Wobei Christiane gern einmal besprochene Pläne wieder in Frage stellt… Die 3. Option wurde erst einmal zur Seite gelegt. Da der E10 bis zum Kap Arkona auf der Karte noch als küstennaher Wanderweg eingezeichnet war, danach aber der Straße folgte, entschieden wir, auf Schusters Rappen die ca. 9 km zu Rügens nördlichstem Punkt  zurückzulegen. Der Weg war leider wieder als Radweg ausgebaut und das nervte wirklich sehr.

Der Weg ist das bessere Ziel, das war schon an den Kreidefelsen so, das ist auf dem Hexentanzplatz und auf dem Landwasserviadukt so und das trifft auch auf Kap Arkona zu. Bei Traumwetter hatten wir wunderbare Aussichten, vor Ort aber nur fürchterlichen Rummel, der uns zum schnellen Weiterwandern aufforderte. Ein Wanderweg führt direkt an der Steilküste entlang und ist für Räder kaum geeignet. Andere Wanderer sind im Umkreis von 1km vom Hotspot sowieso nicht zu befürchten.

Und so gewann dann doch die 3. Option und das war gut so: Wir erlebten einen abwechslungsreichen Küstenweg, den zu laufen wirklich Spaß machte. Die letzten Kilometer, vorbei an übrigens schon gut gefüllten Campingplätzen, ging’s dann doch wieder auf der letzten Rille. Merke: 20km sind okay, danach tut’s weh.

Das Auto stand noch dort, wo es abgestellt war, der Riss in der Frontscheibe ist ein wenig weiter gewandert, den Schlüssel zur FeWo mussten wir im 4km entfernten Dranske holen, aber alles ohne Probleme.

Wir bezogen eine hübsche kleine Wohnung in einer riesigen Ferienanlage und ließen den Abend ziemlich geschafft aber glücklich bei Nudeln, Tomatensoße und Rotwein ausklingen.

Die Ferienanlage Rugana ist nur eine von etlichen, die hier im Bereich Nonnewitz auf die grüne Wiese gebaut wurden. Vom Stil her sollte wohl ein Dorf nachgeahmt werden, strukturiert in einzelne „Weiler“. Da gibt es teils reetgedeckte Einzel- und Doppelhäuser voll mit Ferienwohnungen, einen „Dorfladen“, ein Schwimmbad mit Sauna, ein Restaurant und eine „Almhütte“(!!!). Daneben ist ein Campingplatz und im Küstenwald steht Bungalow neben Bungalow. Welche gewaltige Menschenmenge wird hier in der Hauptsaison an den Strand walzen? Dabei gibt es hier gar keinen wirklichen Strand – nur einen schmalen Streifen und viele Steine.

Hiddensee und sonst nichts

Sabine gab uns den Tipp, möglichst eine Nacht auf Hiddensee zu schlafen, um die Insel ohne Tagestouris zu erleben. Das war leider mit unserer Planung nicht mehr möglich und so reihten wir uns ein in den Strom der Tagestouristen.

Aber jetzt im April ist der Ansturm auf dieses wunderbare Eiland trotz des herrlichen Wetters noch erträglich.

Mit dem Schiff ging’s von Schaprode aus los, leider fährt die Fähre ab Dranske erst im Sommer. Von Neuendorf, also der Mitte, erkundeten wir die nördliche Inselhälfte hauptsächlich vom Strand aus. Wunderbarer Sand, glasklares Wasser, barfuß an der Wasserkante gegen den Wind- was kann es Schöneres geben? Selbiges ohne Wind.

Im Vergleich zu den Schicki-Micki-Orten Binz und Baabe schneidet Hiddensee deutlich besser ab. Im Sommer wird hier aber vermutlich auch der Bär steppen.

Auf dem Oberdeck des letzten Schiffes ließen wir uns nach einem sau-leckeren Fischbrötchen noch einmal richtig durchpusten. Herrlich viel Sonne haben wir in diesem Osterurlaub tanken können.

Resümee

Wir erlebten einen absolut erholsamen Urlaub.

Vorbereitung: 5/5 Punkten.
Hat alles gut gepasst, manchmal auch mit etwas Glück. Wichtig war das vorherige Buchen, spontan wäre kaum etwas möglich gewesen.

Wetter: 5/5 Punkten.
Das war reines Glück.

Erlebnis: 5/5 Punkten.
Jeden Tag nah am Meer, Ostsee immer wieder anders. Viel Ruhe und wunderbare Ausblicke auf den Wanderungen. Die Begegnungen mit grantigen Wirten, un- und professionellen Servicemitarbeitern und ungewohnt freundlichen Jugendlichen bleiben haften.

Genuss: 5/5 Punkten.
„Wir haben doch Urlaub!“ war die beliebteste Begründung, wenn es um die Speise- und Getränkeauswahl ging…

Gesundheit: 2/5 Punkten.
Wandern an sich ist ja gesund. Aber: siehe Abschnitt Genuss. Außerdem wollten Christianes Füße nicht so wie sie wollte. Früher waren unsere Wanderetappen länger.

Merke: Auf Rügen sollte man direkt an der Küste wandern, am besten in Naturschutzgebieten. Im Inselinneren läuft man auf Straßen. Oft führen die Wanderwege auf den gut ausgebauten Radwegen entlang. Die Etappenlänge sollte sich, wenn man untrainiert ist, langsam steigern. 20 km waren für uns ausreichend.

Und: Man braucht keinen Schirm 🙂

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